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concept : artists

Esra Ersen: If You Could Speak Swedish, Video, 23 min, 2001
Ein Kommentar von / a commentary by Miya Yoshida




If You Could Speak Swedish 

Some contemporary artists capable of simultaneously grasping the intricate undercurrents of contemporary realities and of creating platforms for political subjects to show what they potentially have within themselves.

Among Esra Ersen’s early site-specific video works, If You Could Speak Swedish is one example of such abilities. It portraits the new migrants at Info Komp, Huddinge a suburban neighborhood in the south of Stockholm – people who have to learn Swedish to be able to envisage a ‘new start’ for their lives. As her working method Ersen has chosen to inquire what each of them would like to say to Swedish people. The answers have originally been written down in each person’s mother language, but were then translated by a professional translator, and afterwards read out by the authors of the statements, only this time in Swedish. Their struggles, hesitations and confusions in using the Swedish language visually and acoustically overlap with the diverse backgrounds, mixed emotional experiences and hopes for new lives they hold. Capturing these concrete moments within the process of mastering a new language, the work succeeds in critically reflecting past, present and future. The effect of this translingual ‘trialogue’ (since it also involves the translator) does not only include those who are to ‘become’ Swedes, we also learn that it can shade a new light on the present situation and leave traces in that country.

Although it is based on such particularities and does not hide problematic aspects and glitches in ideas of cultural translation, the work in its processual openness embraces a distinct sense of universality. As part of a well-considered process, the artist pays the careful attention to those she asks, so that s/he does not remain on the level of an ‘exemplary’ representation of migrantic particularity, but is potentially empowered to consider a different understanding of what it means to embody and represent an individual subject signifying global politics, economy, ethics. This enormous transcendent capacity is a fascinating aspect of the work that tries to make effects of dialogical authenticity graspable – to reach just slightly beyond the recognized limits of cultural theories and representative languages.

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Miya Yoshida
art historian and curator

If You Could Speak Swedish (Wenn du Schwedisch sprechen könntest)

Einige zeitgenössische künstlerische Arbeiten sind in der Lage, die komplizierten Strömungen zeitgenössischer Realitäten zu verstehen und gleichzeitig Plattformen für politische Subjekte zu schaffen, die ihnen das Potential, das in ihnen steckt, aufzeigen.

Unter Esra Ersens frühen ortsspezifischen Arbeiten ist If You Could Speak Swedish ein Beispiel für diese Fähigkeit. Sie porträtiert neue EinwandererInnen in Info Komp, Huddinge, einem Vorort im Süden Stockholms – Menschen, die Schwedisch lernen müssen, um einen ‹Neubeginn› ihres Lebens ins Auge fassen zu können. Die Methode, die Ersen für ihre Arbeit gewählt hat, besteht darin, jeden von ihnen danach zu fragen, was sie oder er gerne zu SchwedInnen sagen würde. Die Antworten wurden zunächst in den einzelnen Muttersprachen notiert, dann von einem professionellen Übersetzer übertragen und schliesslich von den ursprünglichen AutorInnen vorgelesen, dieses Mal allerdings auf Schwedisch. Ihre Mühen, ihr Zögern und ihre Verwirrung im Gebrauch des Schwedischen überlagern sich – sowohl visuell als auch akustisch – mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, gemischten emotionalen Erfahrungen und Hoffnungen für ihr neues Leben. Indem die Arbeit diese konkreten Momente innerhalb des Sprachlernprozesses einfängt, gelingt es ihr, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kritisch zu reflektieren. Die Wirkung dieses translingualen ‹Trialogs› (der ja auch einen Übersetzer beinhaltet) vermittelt nicht nur etwas über diejenigen, die künftig zu SchwedInnen ‹werden›, sondern wir erfahren auch, dass er neues Licht auf die gegenwärtige Situation werfen und Spuren in diesem Land hinterlassen kann.

Auch wenn die Arbeit auf diesen Besonderheiten basiert und problematische Aspekte und Störimpulse in der Idee kultureller Übersetzung nicht verbirgt, beinhaltet sie in ihrer prozessualen Offenheit doch ein deutliches Moment von Universalität. Als Teil eines wohlbedachten Prozesses schenkt die Künstlerin den Befragten höchste Beachtung, so dass sie nicht auf der Ebene einer ‹exemplarischen› Repräsentation migrantischer Besonderheiten stehenbleibt, sondern potentiell die Möglichkeit bietet, zu einem anderen Verständnis der Bedeutung von individueller Verkörperung und Repräsentation zu gelangen, welche die Dimension globaler Politik, Ökonomie und Ethik einschliesst. Diese enorme transzendente Kapazität ist ein faszinierender Aspekt der Arbeit, die versucht, Wirkungen dialogischer Authentizität greifbar zu machen – um weiter hinter die anerkannten Grenzen kultureller Theorien und repräsentativer Sprachen vorzustossen. 

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Miya Yoshida
Kunsthistorikerin und Kuratorin

*aus dem Englischen von Stefanie Lotz