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ZEITUNG [01/04] - INTERVIEW MIT BARBARA MOSCA

Vom selbst organisierten Verein zur kuratierten Institution
Die Shedhalle entstand als Teil der Roten Fabrik auf Betreiben einer Interessengruppe von ortsansässigen KünstlerInnen, die im etablierten Kunstsystem unterrepräsentiert waren. Streitigkeiten zwischen den KünsterInnen und der Betriebsgruppe der Roten Fabrik führten später dazu, dass sich die Shedhalle 1986 von der Organisation der Roten Fabrik abspaltete und einen eigenen Verein gründete. Kurz darauf, 1987, wurde zum ersten Mal eine KuratorInnen- und Geschäftsleitungsstelle öffentlich ausgeschrieben. Harm Lux als Kurator und Barbara Mosca als Geschäftsleiterin teilten sich in den folgenden Jahren die Aufgabe, die Shedhalle zu einem wichtigen Ort künstlerischen Schaffens zu machen. Anfang 1994 gab es eine grundlegende Revision des programmatischen Konzeptes der Shedhalle.


Das übergeordnete Ziel dieser Neuerung war die Öffnung des Programms für unkonventionellere Formen der Kunstvermittlung und für interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Organisationen.

Die Shedhalle ist durch ihr vielseitiges Programm und die verschiedenen ProtagonistInnenen, welche sie in den letzten 20 Jahren geprägt haben, eine wichtige europäische Institution geworden und hat in der institutionskritischen Auseinandersetzung fast Modellcharakter angenommen. Anliegen dieser Rubrik der Zeitung ist es, sich mit der Geschichte der Shedhalle auseinanderzusetzen und mehr über die unterschiedlichen Phasen und programmatischen Ansätze der Institution sowie die Personen, auf die sie zurückzuführen sind, zu erfahren.

Entwicklungswege, Veränderungen und Motivationen der institutionellen, kuratorischen und thematischen Ausrichtungen werden nachgezeichnet.

Hierfür möchten wir diejenigen befragen, die an der Entwicklung beteiligt waren und aus persönlicher Sicht in Form eines Interviews zu Wort kommen lassen: Die KuratorInnen, die GeschäftsführerInnen, Vorstandsmitglieder und andere Beteiligte.


Beginnen möchten wir chronologisch mit Barbara Mosca:
Ehemalige Geschäftsleiterin der Shedhalle und heute "Arts Manager" des British Council in Bern.


Gau/Schlieben: Du warst Geschäftsleiterin und gemeinsam mit Harm Lux als Kurator verantwortlich für die Phase, in der die Shedhalle sich von einem selbst organisierten Verein zu einer kuratierten Institution gewandelt und sich vor allem in der Schweiz als Ausstellungsraum zeitgenössischer Kunst und als sozialer Treffpunkt etabliert hat. Es war aber auch eine Phase, auf welche die KuratorInnen der folgenden Jahre reagiert haben, indem sie sich zu dem vorangegangenen Programm distanzierten und eine neue Programmatik entwarfen und einen anderen Kunstbegriff in den Vordergrund stellten.

Gerne würden wir von Dir mehr über die Zeit Eures Beginns als Leitungsteam und der Umstrukturierung vom selbst organisierten Verein zur kuratierten Institution Shedhalle erfahren. Wie war die Situation, die Ihr vorgefunden habt? Was waren die Schwierigkeiten?
Mosca: Es gab anfänglich viele Stolpersteine, Vorurteile und Skepsis innerhalb und außerhalb der Roten Fabrik und unser Start in der Shedhalle mutete zunächst wie &Mac226;Aktivferien’ an! Das provisorisch eingerichtete Büro war von Chaos umgeben, von Bodenschleifmaschinen, Holzbrettern, kaputten Linoleumplatten und Maleimern mit Zementbodenfarbe... Neben der Mithilfe bei der Renovation fingen Harm und ich an, entscheidende Kontakte zu Stadt, Lieferanten und KünstlerInnen zu knüpfen (viele Lieferanten wagten sich damals nicht in die Rote Fabrik!). So begann parallel der sorgfältige Aufbau von Administration und Programm. Ich hatte vorher sieben Jahre in der Kunsthalle Bern gearbeitet und hatte sehr ehrgeizige Vorstellungen von unserem zukünftigen professionell kuratierten Betrieb. Wir strebten einen viel frischeren Diskussionsansatz mit Hinterfragung von Bestehendem an und bemühten uns, eine entsprechende moderne Infrastruktur einzurichten. Mit unserer ansteckenden Begeisterung für die Kunst und die Shedhalle mobilisierten wir alle Freunde und wurden während der Aufbauzeit und der ganzen Shedhallezeit fantastisch unterstützt.

Die Finanzen waren vom ersten bis zum letzten Tag ein Thema. Unser Budget stieg dank vieler neuer öffentlicher und privater Partner während unserer Leitung ungefähr um das Sechsfache, die Mitgliederzahlen um das Vierfache. Wir achteten darauf, die Gelder in das künstlerische Programm zu stecken und möglichst wenig in die Verwaltung.

Welche Visionen hattet Ihr, die sich umsetzten ließen oder sich auch nicht verwirklicht haben?
Wir wollten uns von Anfang an national und international bewegen und nicht eingeschränkt bleiben auf den Begriff &Mac226;Hallen junger Schweizer Kunst’. Dank eines aktiven Austauschprogramms mit internationalen Ausstellungsorten haben wir sehr bald Positionen aus Japan, Norwegen, Spanien und KünstlerInnen aus der ganzen Welt vorgestellt. Wir zeigten oft eine/n SchweizerIn und zwei ausländische KünstlerInnen und ermöglichten während der intensiven Aufbauphasen ein interkulturelles, multiethnisches Zusammensein mit viel Diskussion, gegenseitigem Lernen und Lachen.

Neu waren nicht nur der einheitliche Boden und unsere professionelle Arbeitsweise, neu war auch die Kunstbuchecke mit Fachliteratur und Tagespresse. Dieser Treffpunkt im Sinn von &Mac226;Kunst = Kommunikation’ war von zentraler Bedeutung. Wir wollten gegenüber allen einladend sein und richteten auch unsere Öffnungszeiten (bis 20:00 Uhr) entsprechend ein, damit BesucherInnen die Möglichkeit hatten, anschließend die reichhaltigen Abendveranstaltungen in der Fabrik zu besuchen. Offene Türen und ein internationales Programm, finanziert durch spielerische und unkonventionelle Sponsoringaktionen, waren unser Credo. Mut zur Selbsthilfe war angesagt, um die Shedhalle als Ort für eigenwillige KünstlerInnen mit einem breiten Sparten übergreifenden Rahmenprogramm (Performances, Konzerte, KünstlerInnengespräche, Symposien, Auktionen etc.) bekannt zu machen. Das Echo wuchs rasant und dank guter in- und ausländischer Partnerschaften ist es uns gelungen, die Shedhalle als wichtige Plattform für interdisziplinäre und zeitgenössische Kunst zu etablieren. Es ist für mich eine riesige Freude, wenn ich erlebe, wie erfolgreich heute einige unserer damaligen KünstlerInnen sind!

Welcher Kunstbegriff war für Euch von zentraler Bedeutung?
Wir wollten Kunst zeigen, die vom etablierten und kommerziellen Kunstbetrieb noch nicht aufgesogen worden war. Wir wollten Unbestätigtes vorwegnehmen, Fragen stellen und frische Ideen mixen. Die Auseinandersetzung der Kunst mit unserer Zeit war zentral. Gesellschaftliche und kulturelle Verschiebungen versuchten wir durch Kunst wahrnehmbar zu machen und organisierten dazu ein Sparten übergreifendes Programm mit Fachleuten zahlreicher Disziplinen. Trotz der eingeschränkten Finanzsituation haben wir neben den Ausstellungen Großexperimente wie STILLSTAND switches und EXCHANGE 2 mit je etwa 50 internationalen KünstlerInnen und DenkerInnen durchgeführt.

Wie siehst Du im Nachhinein die Positionierung der Shedhalle in der Kunstszene Zürich Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre? Wie hat das Publikum reagiert, hat sich ein neues Publikum etabliert?
Die Shedhalle hat mit ihrem eigenwilligen Programm ein eigenes Profil gezeigt. Es gab in der Zeit keinen vergleichbaren Ort. Zürich kannte das Kunsthaus, die Kunsthalle, viele Museen und Galerien, doch ein Treffpunkt für Experimentierfreudige war in diesem Sinn nicht vorhanden. Die Shedhalle ist als Ausstellungsort und Labor zu überregionaler Bedeutung avanciert und die vielen neugierigen BesucherInnenreaktionen und Medienberichte sprachen für sich.

Kollektivität und Team sind wichtige Stichwörter für die Shedhallenkonzeption, wie würdest Du das Team Lux/Mosca beschreiben?
Harm und ich haben die Shedhalle innigst geliebt und gelebt. Sie war für uns das Wichtigste und Schönste in all diesen Jahren. Wir arbeiteten in einer familiären und freundschaftlichen Stimmung. Dadurch, dass wir beide extrem begeisterungsfähig und auch sehr unterschiedlich waren, ist fast alles geglückt. Die Leidenschaft für die Kunst hat uns getragen und alle harten Diskussionen haben uns das Ziel nie vergessen lassen. Es ging immer um die bestmögliche Variante und wir mochten uns sogar in erhitzen Momenten und lernten verzeihen. Harm strotzte von Ideen und es war kein Leichtes, diese zu verstehen und umzusetzen. Ohne unser flexibles Team und alle involvierten FreundInnen hätten wir den Shedhalletraum nicht umsetzen können. Allen Beteiligten nochmals herzlichsten Dank. Es war eine wichtige Zeit und ich denke mit Freude daran zurück.

Nach Eurer Zeit kam es zu einem Wechsel der Programmatik, wie wurde dieser von Dir damals erlebt und beurteilt?
Ich erinnere mich nur ungern an den Wechsel. Es waren zu viele Leute beteiligt und menschlich wurde nicht genügend Sorgfalt geübt. Es tat weh zu sehen, wie viele Partnerschaften innerhalb weniger Monate verloren gingen und wie kurzlebig gedacht wurde. Die nach unserer Zeit teuer renovierte Shedhalle mutete bald lieblos an. Die einmalig schönen Räume wurden wenig gepflegt und dienten in erster Linie für Workshops und Diskussionen, ohne den BesucherInnen ein überzeugendes visuelles Erlebnis zu ermöglichen. Der neue Programmansatz war für die am Projekt Teilnehmenden bestimmt spannend, doch die Vermittlung erschien mir oft elitär und nicht einladend.

In meiner jetzigen Arbeit interessiert mich "arts for social change" sehr und in diesem Zusammenhang konnte ich den Kontakt zum Shedhalleprogramm immer wieder auffrischen. Ich freue mich auf unsere zukünftige Partnerschaft!