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Stefanie Schulte Strathaus hat den Film WVLNT (Wavelength For Those Who Don’t Have the Time) von Michael Snow, 45 min, 1967, vorgeschlagen

Vom Adventskalender zur Wundertüte: Zur Übersetzung von Zeit in Raum, Vergangenheit in Gegenwart und Film in Kunst
Ein Kommentar von Stefanie Schulte Strathaus

WAVELENGTH (1967) gehört zu den Werken des Strukturellen Films, die einen erfahren lassen, was Kino ist. 45 Minuten 16mm-Film laufen durch einen Projektor, begleitet von einem ansteigenden Sinuston: Lineare Zeit, die den Raum durchdekliniert. Die Kamera bewegt sich (entgegen der kollektiven Erinnerung diskontinuierlich) durch ein Loft hindurch auf ein Stück Wand zwischen zwei Fenstern zu. Ein Bild, das dort hängt, zeigt eine Meeresoberfläche zunächst unbewegt (Fotografie) und dann bewegt (Film). Der formalen Ebene wird die Bedrohung des Realen entgegen gesetzt: Es erscheinen Personen im Bild, das Telefon klingelt, anscheinend wird ein Mensch umgebracht.

„Angesichts des strategischen Einsatzes der Dauer des Films spüren wir jede Minute der Zeit, die es braucht, um den Raum des Lofts zu durchqueren und am Ende des Films zum unendlichen Raum der fotografischen Abbildung von Wellen zu gelangen – und zum Ausblenden des Bildes ins Weiss. Der Film regt sowohl zur Langeweile und Frustration als auch zur Neugier und Offenbarung an..." (Michael Zryd)

36 Jahre später häufen sich Kuratorenanfragen aus einer digitalen Zukunft, in der der Raum die Zeit dekliniert und Film nicht mehr Form, sondern Inhalt ist. Sie fragen nach einer digitalen Fassung für den Ausstellungsraum. Die gibt es nicht, wohl aber eine Übersetzung: WVLNT (Wavelength For Those Who Don’t Have the Time). Zur Inhaltsangabe: „Originally 45 minutes, now 15! 

WVLNT besteht statt aus aufeinanderfolgenden Sequenzen aus Simultanitäten. 45 Minuten analoges Bild- und Tonmaterial wird in drei Teile geteilt, übereinandergelegt und digitalisiert. Dabei geht kein Stück der Geschichte verloren, wohl aber wird die Erzählung selbst nicht mehr gebraucht: Eine räumliche Strategie, in der wir jeden Winkel immer und immer wieder betrachten und etwas darin entdecken können, ohne, dass uns etwas passiert. Denn wenn die Handlungsmomente gleichzeitig existieren, entgehen sie der Logik der Narration. War der Zuschauer zuvor der Spannung ausgesetzt, Unerwartetem zu begegnen, überrascht oder enttäuscht zu werden, so kann er nun sicherstellen, dass sich in keiner Ecke des Raums etwas vor ihm verbirgt. Kein Kinosaal, der dunkel wird, kein Lautsprecher, aus dem unkontrollierbarer Ton kommt, die (nun noch buntere) Farbigkeit bleibt konstant. So auch der Einschub der Beatles: Strawberry Fields Forever.


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