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Olivia Plender hat den Film The Loneliness of the Long Distance Runner von Tony Richardson, 99  min, 1962, vorgeschlagen

Ein Kommentar von Olivia Plender

Der Weg nach Wigan Pier, 1937 von George Orwell verfasst, ist der detailreiche journalistische Bericht über die Lebens- und Arbeitsbedingungen im industriellen Norden Englands, der durch die damalige Wirtschaftskrise stark von Arbeitslosigkeit betroffen war. In seinem Buch diskutiert Orwell die auf das Klassensystem zurückgehende soziale Ungerechtigkeit, indem er sich selbst als Fallbeispiel heranzieht. Er sagt: „Ich wurde in das, was man als die untere Obere Mittelschicht bezeichnen könnte, hineingeboren… Das wichtigste Merkmal des englischen Klassensystems ist, dass man es nicht gänzlich im Sinne von Geld erklären kann… Es mag Länder geben, in denen man die Meinung eines Menschen aufgrund seines Einkommens vorhersagen kann, aber in England kann man sich da nie ganz sicher sein; immer muss man auch seine Traditionen in Betracht ziehen.“

Folgt man Orwells Logik, dann gibt es in jedem Stratum des englischen Klassensystems (Unter-, Mittel- und Oberschicht) neun Unterkategorien. Daraus ergeben sich 27 Klassen, die alle über ihre eigenen Verhaltenscodes, kulturellen Vorlieben und ihr eigenes Vokabular verfügen. Mittellos, aber mit viel kulturellem Kapital, besteht das besondere Los der unteren Oberen Mittelschicht darin, „sich an seiner vornehmen Herkunft festzuhalten, da es das einzige ist, was man hat“, und den eigenen „guten Geschmack“ bei jeder möglichen Gelegenheit durch Essen, Wein oder Musik, Literatur und Kunst zu beweisen.

Seit Orwells Zeiten sind durch das Ankommen der Massenmedien und die Veränderungen der britischen Gesellschaft, die auf die Schaffung des Wohlfahrtsstaates sowie die Masseneinwanderung der Nachkriegszeit zurückgehen, einige der sichtbareren Zeichen dieser Klassenunterschiede verschwunden. Aber das merkwürdige Andauern der Monarchie zeigt, wie die Tradition im England des 21. Jahrhunderts weiterbesteht. Selbst heute gibt es in vielen öffentlichen Einrichtungen noch strenge soziale Hierarchien, etwa im Parlament und in der Justiz, die sich in komplexen Ritualen, altmodischen Roben und dem Gebrauch vertraulichem Vokabulars ausdrücken – was den Staat für die Mehrheit der Bevölkerung unverständlich macht.


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